„Wie lange noch müssen wir die Verkehrung der Geschichte ertragen?“

Fast 150 Menschen protestieren gegen Neonazikundgebung am 13. Februar 2014 in Dessau-Roßlau

Es schüttet sprichwörtlich aus Eimern - Schirme, bunte Kapuzen und Regenjacken bestimmen die Szenerie – als mit insgesamt 12 Schlägen der Friedensglocke die Kundgebung „BUNT STATT BRAUN – Keine Geschichtsverfälschung in Dessau-Roßlau“ endet. Das Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE (mehr dazu hier…) hatte kurzfristig zu der Aktion im Herzen der Stadt aufgerufen, um damit Gesicht zu zeigen und ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen gegen Intoleranz und den menschenverachtenden Ungeist, den Neonazis aus dem Kameradschaftsspektrum nur wenige Minuten zuvor mit einer perfiden Inszenierung an der Dessauer Museumkreuzung zelebrierten – nicht ohne auch dort auf lautstarken Protest zu treffen.  


Im strömenden Regen demonstrierten 80 Menschen an der Friedensglocke im Dessauer Stadtzentrum

Anlass  für den braunen Spuk  ist der Jahrestag der Bombardierung der Stadt Dresden im 2. Weltkrieg. Rechtsextremisten, die dieses historische Datum seit Jahren mit Großaufmärschen für ihren ideologischen Zwecke auf der Straße instrumentalisieren, gehen nun auf Grund des erstarkten demokratischen Widerstands in der sächsischen Landeshauptstadt zusehends dazu über, auf eine so genannte „dezentrale Strategie“ zu setzen.

80 Menschen sind  an jenen symbolischen Ort gekommen, der wie kaum ein anderer in der Doppelstadt für Menschenwürde und Toleranz steht. Jüngere und ältere, solche aus Kirchengemeinden und demokratischen Parteien – allesamt mithin engagierte Bürger_innen -  stehen in einem großen Kreis mit Lichtern und Kerzen in der Hand um die Friedensglocke.  „Wie lange noch müssen wir die Verkehrung der Geschichte ertragen, wie lange noch muss der Kampf gegen Rechts geführt werden?“, fragt Annegret Friedrich-Berenbruch mit einer Mischung aus Rhetorik und Handlungsaufforderung in die Runde. Die Dessauer Kreisoberpfarrerin erinnert damit zugleich an die historische Verantwortung, an das Ringen um Vernunft, Klugheit und Besonnenheit in einem Land dass sich geschworen habe, nie wieder auf die Stimmen von Menschenverächtern und Mördern zu hören: „Wer nicht aus der Geschichte lernt, ist verdammt dazu, die gleichen Fehler und Versäumnisse zu begehen.“



Die Kirchenvertreterin will ihr Statement dabei auch ausdrücklich als Zeichen der Solidarität mit dem Gedenken der Dresdner Bürger_innen an die Zerstörung ihrer Stadt verstanden wissen, die damals unermessliches Leid gebracht habe. Dieses Erinnern sei notwendig und richtig, es dürfe jedoch nicht zu einer selektiven Wahrnehmung führen, die am Ende der Geschichtsverfälschung der extrem Rechten das Wort rede: „Das Bombardement von Dresden vor 69 Jahren wie vieler anderer Städte Deutschlands ist die Folge des barbarischen Krieges Nazideutschlands gegen die Welt. Fast 60 Millionen Menschen verloren durch den vom deutschen Boden ausgehenden Krieg ihr Leben: Als Soldaten, durch Mord und Vernichtung, durch Not und Elend und die noch lange anhaltenden Folgen des Krieges.“

Dramaturgisch dicht endet die Kundgebung schließlich mit dem `Lied der Hoffnung` aus der Friedensbewegung und es wird intoniert: „We shall overcome, we shall overcome, we shall overcome, some day.“



Soviel historische Differenziertheit ist von den Nazis indes nicht zu erwarten. Die stehen in Reih und Glied und mit martialischen Fackeln in der Hand, nur wenige hundert Meter entfernt, an der Museumkreuzung.  Rechtsextremisten aus dem Kameradschaftsspektrum aus Dessau sind ebenso gekommen, wie solche aus Wittenberg, Bitterfeld dem Saalekreis  und aus Thüringen. Insgesamt 45 Ewiggestrige sind schließlich dem Aufruf des bekennenden Dessauer Neonaziaktivisten Alexander Weinert (mehr dazu hier…) und (hier…), der den brauen Aufzug zugleich anmeldete, gefolgt.   



Die ganz in schwarz gekleidete Truppe transportierte ein deutliches Bild, nämlich eins in der Tradition der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, des Hasses und der Menschenfeindlichkeit.  Auf ihren Transparenten transportieren die Menschenfeinde von rechts dabei die bekannten Parolen, die für die Selbstvergewisserung in der Szene nach wie vor identitätsstiftend sind. Von „Alliierten Bombenterror“, wahlweise „Dem Gedenken an die deutschen Opfer“ oder der Aufforderung „Kein Vergeben – Kein Vergessen“ ist da die Rede. Wie seit Jahren immer wieder das gleiche geschichtsklitternde Schmierentheater, in dem die Verursacher des 2. Weltkrieges ebenso wenig zur Sprache kommen, wie das unsägliche Lied das vom nationalsozialistischen Deutschland ausging. Diese selektive Wahrnehmung der eigenen Vergangenheit kann nur einmal mehr als das bezeichnet werden, was sie wirklich ist: eine pathologische und in sich geschlossene Wahnvorstellung im Rang einer Verschwörungstheorie.



Zum Glück möchte man sagen, folgt ein Therapieversuch auf dem Fuße, bleibt dieser ideologisch motivierte Realitätsverlust nicht unwidersprochen.  Auf der anderen Straßenseite haben sich spontan ein paar Dutzend Demonstrant_innen, vorwiegend alternative Jugendliche und Mitglieder des Dessauer Bündnisses gegen Rechtsextremismus versammelt, und entrollen ein Transparent. Darauf ist plakativ einen Teil der lokalen Historie benannt, die wohl auch unschlüssige Passant_innen ansprechen soll. Dessau war im 3. Reich eine Stadt, die ihren Anteil am Holocaust, der systematischen Ermordung der europäischen Juden, nicht verleugnen kann. Mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B ermordeten die Nationalsozialisten mindestens 1 Millionen Menschen in deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern. Dessau war Hauptproduktionsstandort dieses Giftgases (mehr dazu hier…).

Zurück zur Friedensglocke. Dort trotzen auch nach Abschluss der Protestveranstaltung noch zahlreiche Menschen den Wetterunbilden, stehen in kleinen Grüppchen beieinander und diskutieren intensiv. Das beherrschende Thema ist dabei der 08. März 2014, der bereits  seine Schatten vorauswirft. An diesem Tag wollen Neonazis mit einem so genannten Trauermarsch durch die Stadt marschieren (mehr dazu hier…), um am Jahrestag der Bombardierung Dessaus mit ihrem kruden Mix aus Relativierung, Revisionismus und Geschichtsklitterung die Opfer des NS-Terrors zu verhöhnen.  Die demokratische Bürgergesellschaft ist darauf vorbereitet, steht doch die Aktion EINE MENSCHENKETTE FÜR DESSAU-ROSSLAU (mehr dazu hier…) in den Startlöchern, zu der 3.000 Menschen erwartet werden. Den vorherrschenden Optimismus brachte ein Kundgebungsteilnehmer  klar und unmiss verständlich auf den Punkt: „Wir dulden keine Nazis in unserer Stadt“.    


Bereits im März 2013 zeigten 2.500 Menschen mit einer MENSCHENKETTE Gesicht in Dessau-Roßlau (mehr dazu hier...)