„Die Familien wurden über Jahre diskriminiert, verdächtigt und damit stigmatisiert.“

Im Multikulturellen Zentrum Dessau wurde am 11. Juni 2014 die Wanderausstellung “Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen” eröffnet / Exposition gastiert danach vom 7. bis 19. Juli 2014 im City-Carré Magdeburg

Die 22 Tafeln tragen Überschriften wie „Mein Sohn starb in meinen Armen“, „Bomben gegen Migranten“ oder „Rassismus und Vorurteile prägten die polizeilichen Ermittlungen“. Die zugleich aufrührende und informative Wanderausstellung “Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen” beleuchtet in einem konzeptionellen Dreiklang die Biographien der NSU-Opfer ebenso, wie die neonazistischen Terrorkonzepte der 1990er Jahre und den ganzen Komplex, der mit dem vielzitierten Begriff „Ermittlungspannen“ sicherlich nur unzureichend beschrieben ist. In der vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung in Nürnberg zusammengestellten Schau wird deshalb auch schonungslos der Finger in die Wunde gelegt. So werden Aspekte der gesellschaftlichen Aufarbeitung und deren Konsequenzen ebenso beleuchtet, wie die Frage aufgeworfen wird, warum Rechtsterroristen über Jahre unentdeckt bombend, mordend und raubend durch Deutschland ziehen konnten.


Ein Teil der Ausstellung befasst sich mit der extrem rechten Szene der 1990er Jahre

Die Integrationsbeauftragte Sachsen-Anhalts, Susi Möbbeck, die im Rahmen der Gedenkveranstaltung TAG DER ERINNERUNG 2014 (mehr dazu hier…) in die Ausstellungseröffnung in Dessau einführte, fand zur gesellschaftspolitischen Einordnung deutliche Worte und würdigte vor allem den Ansatz, dass mit solchen Projekten die Opfer rechter Gewalt stärker in die öffentliche Wahrnehmung rückten. Die Ausstellungskuratorin Birgit Mair aus Nürnberg ging in einem lebendigen Fachvortrag vor allem auf Hintergründe und Querverweise ein, die in der medialen Debatte um den Nationalsozialistischen Untergrund bisher kaum eine Rolle spielen.

„Knapp 3 Monate nach dem Mord an Alberto Adriano stand Enver Simsek an einem Blumenstand in Nürnberg“, sagt Sachsen-Anhalts Integrationsbeauftragte Susi Möbbeck und spielt damit auf das erste Opfer des mutmaßlichen NSU-Kerntrios an. Am 09. September 2000 wurde der 1961 in der Türkei geborene Blumengroßhändler in der vielbefahrenen Lignitzer Straße an einem mobilen Verkaufsstand, wo er an diesem Tag einen Mitarbeiter vertrat, mit insgesamt 8 Kugeln aus zwei verschiedenen Waffen gefunden. Zwei Tage später erlag er seinen schweren Verletzungen in einem Nürnberger Klinikum. Er hinterließ eine vierzehnjährige Tochter und einen dreizehnjährigen Sohn. Für Susi Möbeck sind es vor allem diese erschütternden Parallelen, in Dessau wird ein Mensch in einem öffentlichen Park zu Tode geprügelt, in Nürnberg ein Mensch regelrecht hingerichtet, die erschüttern. Umso unverständlicher sei aus der heutigen Perspektive, wie die Ermittlungsbehörden damals vorgingen: „An der Stelle von Rechtsextremisten hat die Polizei die Familien der Opfer verdächtigt“. Das habe nicht nur das Vertrauen in staatliche Sicherheitsorgane beschädigt, sondern auch andere Schäden angerichtet: „Die Familien wurden über Jahre diskriminiert, verdächtigt und damit stigmatisiert.“


Gäste der Ausstellungseröffnung im Gespräch

Umso wichtiger sei es, das diese Ausstellung durch ihren biographischen Zugang vor allen eins in den Fokus rücke: „Hier werden die durch die Täter entmenschlichten Opfer wieder zum Menschen, mit Gesichtern und Geschichten.“ Susi Möbbeck hat daraus offensichtlich für sich Konsequenzen gezogen und teilt diese mit den Ausstellungsgästen: „Wir müssen Rassismus überall kenntlich machen. Setzen wir uns für ein Land ein, in dem die Quellen für Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus trockengelegt werden.“



„In Nürnberg haben wir auch Opfer rechter Gewalt aber bei weitem nicht so eine ausgeprägte Gedenkkultur“, verbindet Birgit Mair den Beginn ihres einführenden Fachvortrages mit einen Dank an den Vorbereitungskreis, der alljährlich in Dessau-Roßlau mit dem TAG DER ERINNERUNG die Ermordung Alberto Adrianos ins öffentliche Bewusstsein transportiert. Die Diplomsozialwirtin vom Nürnberger Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung, die seit Jahren die rechte Szene in Bayern analysiert, Aufklärungsarbeit zum aktuellen Rechtsextremismus umsetzt und sich in der Bildung zum historischen Nationalsozialismus engagiert, reflektiert zunächst selbstkritisch: „Ich komme aus einer Stadt, in der drei Menschen vom NSU ermordet wurden. Wie konnte es passieren, dass diese Morde an uns vorbeigegangen sind.“ Zwar habe man damals im Bekanntenkreis und im „Wohnzimmer“ immer mal wieder die Frage diskutiert, ob hinter diesen Taten nicht eine rassistische Motivation stecken könnte. Doch zu einem politischen Handeln hätten diese Debatten zunächst nicht geführt.


Die Ausstellungskuratorin Birgit Mair hielt einen Einführungsvortrag

Seit der Selbstentarnung des NSU habe sich dies freilich grundlegend geändert. Die Auseinandersetzung mit den „Morden vor der eigenen Haustür“ fand jetzt intensiv und im Detail statt. Ohne die vermittelten persönlichen Kontakte zu den Angehörigen der Mordopfer, die für die Ausstellung Lebensläufe und Fotos zur Verfügung stellten und zudem an Hintergrundgesprächen teilnahmen, so resümiert Birgit Mair, wäre das Vorhaben überhaupt nicht umzusetzen gewesen. Zu Gute kam ihr zudem der Umstand, dass sie über ein Jahr den NSU-Untersuchungsausschuss im bayerischen Landtag beobachtete. Viele Erkenntnisse aus dieser Begleitung flossen demnach in die Exposition ein. Auch das Buch „Schmerzliche Heimat“ von Semiya Simsek, die Tochter des Mordopfers Enver Simsek, war dabei eine wichtige Recherchegrundlage. Nicht nur in dieser Quelle sei sie immer wieder auf ein Meinungsbild gestoßen, dass auch von anderen Angehörigen der Opfer bestätigt worden wäre: „Am schlimmsten waren die Stigmatisierungen, als Täter verdächtigt zu werden.“


Die Schautafeln stießen auf großes Interesse

Aus ihrer Skepsis, ob jemals alle Fragen zu den NSU-Taten in alle Umfänglichkeit beantwortet werden könnten, macht die Referentin indes keinen Hehl: „Aus meiner Sicht ist es strukturell nicht möglich, eine Tataufklärung hinzubekommen. Der NSU war ein Netzwerk, wo wir niemals Transparenz reinkriegen werden. Schon deshalb, weil ein Dutzend V-Leute mit dem Kerntrio im Kontakt waren.“ Diese Einschätzung macht sie u. a. daran fest, dass so im bayerischen Untersuchungsausschuss immer wieder mit dem Verweis auf Geheimhaltung die Öffentlichkeit ausgeschlossen wurde. Zudem gäbe es weitere Ungereimtheiten, die bislang unterbeleuchtet seien und bei denen die Frage im Raum stünde, ob es sich um Zufälligkeiten oder eben doch um tatrelevante Details oder Indizien handeln könnte. Als Beispiel benennt sie die NPD-Veranstaltung „Kunstgeschichtliche Stadtführung in Franken“, die am 09. September 2000 in Nürnberg angekündigt worden sei. Also just an dem Tag, als auf den Blumenhändler Enver Şimşek geschossen wurde. Auch die Frage, ob Aufkleber der 2004 vom bayerischen Innenministerium verbotenen „Fränkischen Aktionsfront“ (F.A.F.) bereits zum Zeitpunkt des Mordes an Abdurrahim Özüdoğru in Nürnberg an den Fallrohren des Tatortes in der Siemensstraße/Gyulaer Straße Nürnberg registriert werden konnten, sei bisher nicht ausreichend geklärt. Reste der Aufkleber mit der Aufschrift „Den Zionismus gemeinsam bekämpfen“ hätten sich demnach noch 2011 auf den Fallrohren befunden und seien mittlerweile entfernt worden. „Wenn die Ermittler anders ermittelt hätten, hätten sie vielleicht mitbekommen, dass der Blumenstand sich auf einem ehemaligen SS/SA-Gelände befand“, sagt Birgit Mair zu dem Umstand, dass der Tatort vom 09. September 2000 sich nachweislich auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände der NSDAP befand. Zufall, Schlamperei oder einfach nur Unvermögen? Für die Ausstellungskuratorin steht fest: „Man wollte keine Nazis finden, also hat man auch keine gesucht.“



Zu dieser Einschätzung komme das Bild hinzu, dass sich die Ermittler vor allem auf die These kapriziert hätten, die Morde stünden im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität. Allein 160 Beamte hätten diesen Ansatz verfolgt und das, obwohl es eigentliche keine augenscheinliche Zusammenhänge gegeben habe. Denn obwohl  sich die Mordopfer untereinander nicht kannten hielten die Mitglieder der so genannten Besondere Aufbauorganisation (BAO) Bosporus an dieser Kontextualisierung fest. Selbst die von einigen Fallanalysten ins Spiel gebrachte Tatmotivation „Hass auf Türken“ habe letztlich nicht dazu geführt, sich intensiv auf das rechtsextreme Milieu zu konzentrieren. Dazu passe auch, dass der bayerischer Verfassungsschutz 8 Monate gebracht habe, um der BAO Bosporus die Namen von Neonazis zu liefern. Diese Liste habe demnach nur aus der Region Nürnberg 682 Rechtsextremisten aus unterschiedlichen Szenen umfasst. Schließlich seien einige der Neonazis dann in polizeilichen Vernehmungen befragt worden, ob sie etwas mit den Morden zu tun hatten. „Mehr ist nicht passiert“, stellt Birgit Mair lapidar fest.



„Dazu hat es eine Diskussion unter den Ausstellungsmachern gegeben“, sagt die Referentin zu der Entscheidung, einen Teil der Exposition mit der Überschrift „Rassismus und Vorurteile prägten die polizeilichen Ermittlungen“ zu versehen. Schließlich habe man sich dazu entschlossen, weil die Recherchen immer wieder Momente eines rassistisch konnotierten Vorgehens zu Tage förderten. Deutlich sei dies zum Beispiel bei der versuchten Aufklärung zum Mord an der Polizistin Michele Kiesewetter geworden. Aus einem Interview eines Beamten mit dem Magazin „Stern“ sei so hervorgegangen, dass im „Zigeunermilieu“ ermittelt werde. Hintergrund dieser Ermittlungsrichtung wäre dabei der Umstand gewesen, dass zum Tatzeitpunkt am 25. April 2007 in Heilbronn auf der Theresienwiese Schausteller einer Kirmes, darunter einige Sinti und Roma, präsent gewesen sind. „Wenn es heißt, in der Keupstraße leben Menschen die sich selbst wegbomben wollen, hat das halt auch wirtschaftliche Folgen.“, verweist Birgit Mair in diesen Zusammenhang auf die Tatsache, dass unmittelbar nach dem Nagelbombenanschlag am 09. Juni 2004 in Köln die Tat dem kriminellen Milieu zugerechnet wurde. Schließlich paraphrasiert sie eine Aussage einer Opferangehörigen, die ihr noch heute dazu im Gedächtnis haftet: „Über Jahre galt ich als Kind eines Drogenhändlers.“



Birgit Mair wird trotz oder gerade wegen dieser Geschichte rund um die Auseinandersetzung mit den NSU-Verbrechen nicht müde, weiterhin eine gesellschaftliche und politische Aufarbeitung einzufordern. Dazu reist sie unermüdlich mit der Ausstellung durchs Land, hält Vorträge und entwickelt Fragebögen für Schulklassen. Ihr Schlusswort, dem Statement einer Opferangehörigen nachempfunden und von Albert Einstein geborgt, bringt es auf den Punkt: „Wichtig ist es, dass man nicht aufhört zu fragen.“


TIPP UND SERVICE

Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Juni 2014 im Multikulturellen Zentrum Dessau (mehr dazu hier…) zu sehen. Danach  wird sie vom 7. bis 19. Juli 2014 im City-Carré Magdeburg öffentlich gezeigt.

Der Begleitband zur Ausstellung kann für € 5,00 bestellt werden (hier geht es zur Online-Bestellung...).



Buchung
der Ausstellung unter:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

weitere Hintergrundinformationen unter:
www.opfer-des-nsu.de
www.isfbb.de


verantwortlich für den Artikel: