„Die Zukunft von Alberto Adriano endete am 14. Juni 2000“

TAG DER ERINNERUNG  am 11. Juni 2015 im Dessauer Stadtpark // 100 Teilnehmer_innen gedenken Alberto Adriano, Hans-Joachim Sbrzesny und allen Betroffenen rechter und rassistischer Gewalt

In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2000 betranken sich drei Neonazis, sie grölten lautstark neonazistische Songtexte, schaukelten sich auf und trafen schließlich im Dessauer Stadtpark auf Alberto Adriano. Die menschenverachtende Ideologie hinter den 3 jungen Männern und den von Ihnen gegrölten Songtexten wurde bittere Realität. Alberto Adriano wurde von ihnen so brutal zusammengeschlagen und getreten, dass seine massiven Verletzungen drei Tage später zu seinem Tod führten.



Zum 15. Mal wurde nun an Alberto Adrianos Leben und seinen Tod erinnert (mehr dazu hier…). Zum TAG DER ERINNERUNG hatte die Vorbereitungsgruppe um das Multikulturellen Zentrum Dessau, dem Ausländerbeauftragten der Stadt , der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V.,  dem Evangelischen Kirchenkreis Dessau, dem Migrantenrat Dessau-Roßlau, dem hiesigen Bündnis gegen Rechtsextremismus und die Ganztagsschule Zoberberg erneut in den Dessauer Stadtpark eingeladen. Am damaligen Tatort, wo sich heute eine Stele in Erinnerung an Alberto Adriano befindet, versammelten sich rund 100 Menschen, um allen Opfern rechter Gewalt zu gedenken und den Angehörigen Ihre Anteilnahme auszusprechen. Seit der Wiedervereinigung sind nach der Zählung von Medien und zivilgesellschaftlichen Initiativen in Deutschland 182 Menschen der Gewalt rechter Schläger zum Opfer gefallen. Das Gedenken wurde von Marco Steckel, dem Leiter der Beratungstelle für Opfer rechter Gewalt, moderiert. Für die musikalische Begleitung als Rahmen sorgten Maya von Campen-Bálint (Violine) und Ganor Bálint (Violoncello).


Maya von Campen-Bálint (Violine) und Ganor Bálint (Violoncello) sorgten für den musikalischen Rahmen des Gedenkens

„Wie kann es sein, dass die Täter stundenlang grölen, hetzen und Adriano zu Tode schlagen konnten?“, fragt Maik Reichel und mahnt an, dass  sich Rechtsextremismus und Rassismus durch eine starke Zivilgesellschaft klar entgegengestellt werden muss. Seit dem Mord an Alberto Adriano, so der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen-Anhalt weiter,  sei zwar die Zivilgesellschaft deutlich angewachsen und Politik und Verwaltung haben erkannt, dass beim Problemfeld Rechtsextremismus und Rassismus Handlungsbedarf besteht. Das Problem ist aber geblieben, was nicht nur die Zahlen zu rechten und rassistischen Mobilisierungen und Übergriffen für das Jahr 2014 zeigen. So sind allein in diesem Zeitraum 782 Fälle politisch rechts motivierter Gewalttaten in Ostdeutschland festgestellt worden und 270 flüchtlingsfeindliche, rassistische Kundgebungen/ Demonstrationen in der gesamten Bundesrepublik. Menschen, die aus ihren Herkunftsländern aufgrund von Krisen und Kriegen flüchten müssen, haben einen Anspruch auf eine freundliche Aufnahme, eine Chance auf ein friedliches Leben und dem Schutz vor Rassismus. Daher sei es wichtig ein demokratisches Klima zu schaffen und sich mit den Betroffenen zu solidarisieren. „Das schreckliche Verbrechen, das am Anfang stand, wird heute durch vielfältiges Engagement verarbeitet“, so Maik Reichel weiter. Der „Tag der Erinnerung“  sei ein Beispiel für vielfältige antirassistische Initiativen und Netzwerke  und eine wachsende Zivilgesellschaft. Und auch die verschiedenen Landesprogramme, wie „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ leisten einen wichtigen Beitrag für eine demokratische Gesellschaft.


Maik Reichel, der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, betonte wie wichtig es ist, an alle Opfer rechter und rassistischer Gewalt zu erinnern

Dafür steht exemplarisch die 8. Klasse der „Ganztagsschule Zoberberg“, die an diesem Tag eine kleine Inszenierung zu Herkunft, Leben und Sterben nicht nur von Alberto Adriano vorbereitet hat. Mit Engagement, Perspektivenübernahme und viel Empathie thematisierten die Schüler_innen die Lebenssituation von geflüchteten und asylsuchenden Menschen und die Normalität ihrer Wünsche, Bedürfnisse und Zukunftsträume. Wie es auch in dem kleinen Theaterstück hieß: „Die Zukunft von Alberto Adriano endete am 14.  Juni 2000“.


Schüler_innen der Ganztagsschule Zoberberg führen ihre Inszenierung auf...


... und waren zudem mit einer kleinen Ausstellung im Stadtpark präsent

„Der Tod von Alberto Adriano war ein Schock für diese Stadt, für unsere Gesellschaft. Die Fratze des Rassismus entriss uns auch den letzten Träumen einer heilen […] Welt“, sind die deutlichen Worte von Frank Hoffmann (MdL, Fraktion DIE LINKE), der in seiner Funktion als stellvertretender Stadtratsvorsitzender die Gedenkworte für die Kommune an Elbe und Mulde spricht. Er betont welche Gefahr von menschenverachtendem Gedankengut ausgeht und wie tödlich dieses sein kann. Rechtsextremismus und Rassismus seien mitten unter uns und das Engagement dagegen habe daher einen unverändert hohen Stellenwert, auch für die Stadt. Seit mehr als 10 Jahren arbeitet zum Beispiel ein aktives Bündnis gegen Rechtextremismus und mit dem LOKALEN AKTIONSPLAN FÜR DEMOKRATIE UND TOLERANZ (mehr dazu hier…) sei zudem ein gutes Instrument zur breiten Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit in der Stadt geschaffen. Auch das Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE (mehr dazu hier…) bestärkt die dauerhafte Sensibilisierung und Auseinandersetzung mit rassistischen Denk- und Einstellungsmuster weiter. Darüber hinaus ist es besonders wichtig, wie Frank Hoffmann sagte, Möglichkeiten der Integration  und Teilhabe von Migrant_innen weiter auszubauen, wozu es u.a. eines kommunalen Integrationskonzeptes mit klaren Zielen und Maßnahmen bedarf. Man kann zwar den Tod von Alberto Adriano nicht rückgängig machen, aber man könne sich gemeinsam für einen Ort ohne Rechtsextremismus und Rassismus einsetzen, so der Landes- und Kommunalpolitiker der damit zugleich den Angehörigen und Freunden von Alberto Adriano seine Anteilnahme aussprach. Die Stele in Gedenken an Alberto Adriano sei ein wichtiges Symbol: „Sie ist Mahnmal, sich stets aufs Neue dafür einzusetzen, Geschehenes nicht wieder geschehen zu lassen. Sie ist Mahnmal für alle Opfer von Gewalt, die Menschen aus unserer Mitte Mitmenschen antun, auch Gedenkstein für den grausamen Mord an einem Obdachlosen vor unserem Bahnhof. Die Toten mahnen uns.“


Frank Hoffmann sprach die Gedenkworte für die Stadt Dessau-Roßlau

Mit einem Interreligiösen Gebet, dem Anzünden eines Erinnerungslichtes und einer Blumenniederlegung wurde anschließend der Toten gedacht, bevor die Anwesenden weiterzogen zu einer Parkbank vor dem Dessauer Hauptbahnhof.









Dort wurde zum zweiten Mal an Hans-Joachim Sbrzesny erinnert, der in der Nacht zum 01. August 2008 von der rechten Szene nahestehenden Tätern solange misshandelt worden war, bis er starb. „Die beiden rechten Täter gingen dabei mit äußerster Brutalität vor und handelten laut Gerichtsurteil mit einem direkten Tötungsvorsatz“, so Hildegard Rode.  Für die Landeskoordinatorin des Beratungsnetzwerks gegen Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt steht der Fall Hans-Joachim Sbrezny exemplarisch für die Opfergruppe der Obdachlosen, sozial Randständigen und Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. In der Weltsicht der Täter, „[…] gelten Armut, soziale Ausgrenzung und Wohnungslosigkeit als Beweis für die Minderwertigkeit der Opfer und damit als Legitimation für ihre Mordtat.“  Hildegard Rode verwies darauf, dass seit Bekanntwerden der Mordserie des NSU 2011, eine Vielzahl von Tötungsdelikten erneut auf ein rechtsextremes Motiv hin untersucht wurden, in Sachsen-Anhalt waren es 41 Mord- und Todschlagsdelikte. Daraufhin wurde die Anzahl der  Tötungsdelikte mit rechtsextremem Hintergrund um 4 weitere auf insgesamt 7 korrigiert. Dagegen zählen die Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt in Sachsen-Anhalt 13 rechts motivierte Tötungsdelikte seit 1990. Der Mord an Hans-Joachim Sbrezny z.B. wurde von den Behörden offiziell nicht als rechtsmotiviert eingestuft, wodurch die unterschiedlichen Zahlen zustande kommen.


Hildegard Rode Sprach die Ereinnerungsworte für Hans-Joachim Sbrezny am Dessauer Hauptbahnhof


Fast 50 Menschen gedachten Hans-Joachim Sbrezny am 11. Juni 2015

Dabei gehe es nicht um Rechthaberei, sondern um eine realistische Einschätzung des Ausmaßes rechtsextremer Gewalt. „Und es geht um Wachsamkeit und Sensibilität für rechtsextreme Hintergründe bei der Strafverfolgung durch Justiz, Polizei und Staatsanwaltschaft.“ Und auch für die Angehörigen sei die öffentliche  Anerkennung rechter Gewalt als Tatmotiv bedeutend. Hildegard Rode sagte darüber hinaus, dass aus dem Leben von Hans-Joachim Sbrezny bisher nur wenig bekannt sei. „Für das weitere Erinnern und Gedenken würde ich mir wünschen, dass mehr über sein Leben und Wirken in der Öffentlichkeit bekannt wird.“ Eine anschließende Blumenniederlegung für Hans-Joachim Sbrezny schloss den „Tag der Erinnerung“  2015 ab.



Die Geschichten von Alberto Adriano und Hans-Joachim Sbrzensy, exemplarisch stehend für alle Betroffenen rechter und rassistischer Gewalt, zeigen deutlich, dass das Eintreten für eine demokra-tische Gesellschaft und gegen Menschenfeindlichkeit nicht nur wichtig, sondern (lebens-) notwendig ist. Der „Tag der Erinnerung“ kann als Teil dieses Prozesses gesehen werden, der es allen Menschen ermöglichen soll, gleichberechtigt und vielfältig, neben- und miteinander zu leben.

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