Tod aus wahrscheinlich unnatürlichen Ursachen

Theaterstück „Revolution der Stille“ irritiert auf einem roten Teppich im öffentlichen Raum

Am 01.Oktober 2023 ging die musikalische Theaterproduktion REVOLUTION DER STILLE des freien ensembles p&s mit Unterstützung des WUK Theater Quartiers ab 16:30 Uhr auf dem Lily-Herking-Platz (vor dem Alten Theater Dessau) über die Freilichtbühne respektive dem öffentlichen Raum. Das Stück, mit einem Kooperationsprojekt von Dessau Nazifrei, dem Projekt GegenPart und der Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt Dessau in die Stadt geholt und von der Partnerschaft für Demokratie (PfD) gefördert, suchte dabei die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen am 12. August 1979 in Merseburg. An diesem Tag kamen dort die beiden Kubaner Delfin Guerra und Raul Garcia Paret nach einer mutmaßlich rassistischen Hetzjagd ums Leben. Das damalige Schweigen der Bruderstaaten DDR und Kuba hallt bis heute nach, eine juristische Aufarbeitung der Todesfälle hat praktisch nicht stattgefunden. Bewusst minimalistisch auf einem symbolischen, roten Teppich inszeniert, irritierte das Stück fast 60 Zuschauer:innen, die eigens dafür gekommen waren oder zufällig vorbeikamen. Und dass diese Irritation durchaus konzeptionell gewollt war, sollte sich noch zeigen.


Olaf Wendel von der Initiative Dessau Nazifrei kennt sich aus in der Materie, hat er doch schon als ehemaliger Stadtrat vielbeachtet und manchmal provokant gegen Rassismus und Rechtsextremismus klare Kante gezeigt. „Heute geht es um die DDR-Zeit und deren Freundschaftsabkommen mit sozialistischen Bruderstaaten“, sagt er nicht ohne sarkastischen Unterton und stellt zudem darauf ab, dass in der DDR natürlich Rassismus und Antisemitismus fröhlich weiterlebten, auch wenn die vermeintliche Staatsdoktrin eine antifaschistische gewesen sei. Auch wenn dieser Befund längst bekannt und wissenschaftlich aufgearbeitet wäre, hätten Fälle wie der in Merseburg vor allem eins gezeigt: „Der sozialistische Staat war also direkt betroffen und noch schlimmer, er schwieg dazu.“


Cut. Stilecht bekleidet mit einer Uniform der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), betritt plötzlich ein Protagonist mit Rollkoffer untermalt von Free Jazz-Klängen die Szenerie und rollt einen roten Teppich aus. Ein Symbol des Ankommens in einem fremden Land in dem er auch willkommen ist? Eine platte und zu offensichtliche Auflösung dazu gibt es nicht.


Diese braucht es wohl auch nicht, tritt doch nur einige Sekunden später eine junge Frau als Erzählfigur auf und stammelt Halbsätze wie „ich wäre jetzt da“ und „dieser Moment, wie soll ich es erklären, immer wieder, die Kaffeetasse, ein Schweigen, ein unendliches Schweigen“. Und während auf ein „Dessau, seid ihr noch da“, johlende Zustimmungsinterjektionen aus dem vorwiegend mit alternativen Jugendlichen bestückten Publikum ertönt, spricht die junge Frau weiter ins Mikro: „Es gibt keine Stille, was hört ein Mensch da, zwei Töne, seinen Atem und den Blutkreislauf“. Damit spielt sie offensichtlich auf den Avantgarde-Komponisten John Gage ab, der in den 1940er Jahren in seinen Werken mit dem Nichts, der Stille experimentierte.


Und während der rote Teppich näher an das Publikum gezerrt und zugleich verlängert wird, erklingen lateinamerikanische Gitarrenklänge, augenscheinlich als Reminiszenz an Kuba gedacht. Eine zufällige Passantin gibt sich große Mühe, den roten Teppich nicht mit den Füßen zu berühren, sie überschreitet ihn mehr irritiert als gekonnt.

„Im Gegensatz zu einem Fußboden verschluckt ein Teppich viele Geräusche, was passt da nicht alles unter einen solchen Teppich“, monologisiert die Protagonistin weiter und schlägt zugleich die inhaltliche Brücke zum 12. August 1979 in Merseburg. Nicht nur von der Stasi damals beschlagnahmte Unterlagen und Ermittlungsakten hätten dazu geführt, dass sich über den Fall „Schicht für Schicht der Staub von Jahrzehnten legte“. Rücksichtslosigkeit und Hass gehörten heute schon zum guten Ton, gerade in einem Land das so ordentlich und penibel sei: „Ja, Sachsen-Anhalt hat ein Rassismusproblem, ich will das nicht, aber es ist so und es geht nicht weg.“


In diesem fast schon appellativen Tonfall geht es weiter, wer unter den DDR-Teppich geschaut habe, konnte dort nicht nur eine Diktatur erkennen, sondern auch puren Rassismus. Der Teppich wird unter den Klängen von „Guantanamera“ abgekehrt.


Was in Merseburg damals wirklich geschah, hat die „Initative 12. August“ (mehr dazu hier…) en Detail rekonstruiert, daraus zitierte die Protagonistin der Theaterinszenierung nun. Demnach es am frühen Abend in der Gaststätte „Saaletal“, in deren Saal sich zu diesem Zeitpunkt etwa 230 Deutsche aufhielten, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, als sechs bis zehn Kubaner in den Saal stürmten und mit Ledergürteln, Holzstöcken und Kabelenden auf die Anwesenden einschlugen. Unmittelbar danach flüchteten die Kubaner aus dem Gebäude, vor dem etwa 30 weitere Kubaner standen, die die heraus stürmenden Deutschen mit „faustgroßen Steinen“ bewarfen. Daraufhin bewarfen die „Veranstaltungsgäste“ die Kubaner mit „Weinflaschen“ und die Kubaner flüchteten in Richtung Saalebrücke, um von dort das Zentrum von Merseburg zu erreichen. Sieben oder acht Kubaner flüchteten entlang des Flussufers, verfolgt von etwa 30 bis 40 Deutschen. Da ihnen von Deutschen, die auf der Brücke standen, dieser Weg versperrt wurde, sprangen sie in die Saale. Mehrere Deutsche die auf der Brücke und am Ufer standen, bewarfen schwimmende Kubaner mit „Weinflaschen“ und „Ziegelsteinen“. Eine am Ufer stehende Deutsche sagte bei ihrer Vernehmung bei der DVP aus, dass sie eine leere Flasche auf einen schwimmenden Kubaner geworfen und den Kopf eines Flüchtlings getroffen hätte. Ihrer Meinung nach habe der Treffer bei dem Kubaner „Wirkung“ gezeigt: Er „geriet zeitweilig unter Wasser“. Als die Volkspolizei eintraf, war das Pogrom bereits beendet.

Der eigentliche Skandal sei zudem, dass sowohl die Staatssicherheit als auch höchste SED-Kreise und die Generalstaatsanwaltschaft mit Verweis auf den Geist „brüderlichen Beziehungen zwischen der DDR und der Sozialistischen Republik Kuba entschieden, gegen die an dem Vorkommnis in Merseburg Beteiligten keine strafrechtlichen Maßnahmen einzuleiten und das Ermittlungsverfahren gegen UNBEKANNT einzustellen“.

In der Inszenierung wird diese Chronik des Scheiterns lapidar auf den Punkt gebracht: „Tod aus wahrscheinlich unnatürlichen Ursachen“. Der geneigte Theatergast erfährt dann noch von dem nahezu unglaublichen Umstand, dass die kubanischen Überlebenden der Merseburger Hetzjagd dann umgehend in ihr Heimatland abgeschoben und zum Teil dort inhaftiert worden.

Der rote Teppich wird schließlich eingerollt, Aus und Schluss. Der Applaus des Publikums ist genau so frenetisch wie nachdenklich.


Und das rassistische und rechtsextreme Tendenzen in der DDR nicht aus dem Nichts kamen und weit über das Ende des sozialistischen Staates hinauswirkten, zeigte dann einige Wochen später der Vortrag „Die wiedervereinigte Rechte“ im Rahmenprogramm des Theaterstücks eindrucksvoll. (mehr dazu hier…)